Zum Inhalt springen

Digitaler Overkill 2.0

Ich tracke mein Essen mit einer App. Fotografiere es und stelle es ins Internet über eine andere App. Ich konsumiere Unterhaltung über mein iPad. Ich freue mich über Likes, hoffe auf mehr Follower.

Ich schreibe diesen Blog um den Inhalt, mein Leben, mit Freunden und Fremden zu teilen. Ich hoffe auf Bestätigung und Anerkennung. Ich brauche den Druck, um nicht aufzugeben.

Ich sass letzte Woche bei meinem Freund Jeremy auf der Couch und freute mich über die ersten Erfahrungen mit seiner neuen Playstation VR Brille. Ich tauchte in eine digitale Welt ein und war begeistert. Draussen schien die Sonne. Ich bemerkte es nicht.

Ich habe heute Morgen in meinem Feed den wunderbaren Text von Steffen Stilpirat Böttcher gefunden, gelesen, verstanden, meinen Laptop zugeklappt und über mein Leben nachgedacht.

 

Irgendwann werden wir uns an den Tag zurück erinnern als wir plötzlich aufhörten, dem Algorithmus hinterher zu jagen. Es war der Tag an dem selbst diese kranken Whatsapp-Pods versagten, die den Algorithmus auszutricksen versuchten und wir einfach aufgaben und uns lauthals zuriefen, dass der Tod nun so schlimm auch wieder nicht sei. Die Sonne schien und wir warfen uns dem Leben vor die Füße. Hier, bitte! Was soll’s! Scheiß drauf!

Das Leben lächelte und schenkte uns im Gegenzug Zeit. Und zwar der guten Sorte. Eine die nicht zerhackt wurde in drei Minuten Einheiten, Zeit, die weder effizient war noch gefüllt mit der Suche nach Antworten in Suchmaschinen.
Es war der Tag, als die Influenzer Blase platzte und sie zu Hunderten vor den Agenturen auf den Treppen saßen und Rat suchten, VR-Brillen tragend. Und irgendeiner von ihnen nahm seine Scheiß-Brille ab, zerriss langsam blinzelnd ein Weitwinkel-Foto auf dem eine Blonde im Gegenlicht Schnütchen machte, hielt seine Litschi-Bionade in die Höhe und brüllte besoffen vor Erkenntnis: „Das wars Freunde!“

Und am nächsten Morgen wachte er auf und starrte zum ersten mal nicht auf sein Smartphone sondern auf die Brüste seiner Freundin, die neben ihm lag. Und diesen Blick hatte er nur für sich. In den Tagen danach reifte in ihm die Erkenntnis, dass er nie wichtig für andere war, sondern nur wichtig für das System. Und selbst das war nur gelogen, damit er sich nicht völlig egal vorkam. Denn die Wahrheit war: das System kannte ihn nicht und sein Avatar verblasste irgendwo auf einem Server, irgendeines Social Media Kanals, der nun niemanden mehr interessierte.

Hey, sagen wir es doch wie es ist: Du bist irgendwann klein und nackt hier angekommen, hast herum geschrien und in die Windeln geschissen. Und so Gott will, wirst Du 90 Jahre später mit vollgeschissener Windel auch wieder gehen. Die Zeit dazwischen kannst du füllen wir du willst. Und ich denke, dass ist die Wahrheit.

Du brauchst keinen Algorithmus um zu leben, aber er braucht dich um zu leben.

 

 

Danke Steffen! <3

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.